Guy Mamou-Mani, Open: Die Zukunft der Arbeit

Wir haben uns mit Guy Mamou-Mani, Co-Präsident der Open Gruppe ausgetauscht. Er ist zudem Autor des Buches Die digitale Apokalypse wird nicht stattfinden, und teilte mit uns seine humanistische Sicht auf die Technologien, die er in seinem Werk entwickelt. Allerdings nur unter der Bedingung, dass sich alle damit befassen! Nach seiner Aussage werden wir einen besseren Weg aufbauen können, wenn wir gemeinsam eine Vision entwerfen. Das Schlüsselwort, das er für uns alle präsentiert, ist also offensichtlich « Zukunft ».
Sie haben das Wort « Zukunft » gewählt, um über digitale Transformation zu sprechen, warum?
Guy Mamou-Mani: Für mich ist dieses Wort heute grundlegend, weil es alles symbolisiert, was in unserer Gesellschaft geschieht, in unseren Unternehmen, in unserer Menschheit. Das sehen wir in unseren Umgebungen, es gibt so viele Fragen bei der Suche nach Sinn, nicht nur von Seiten der Millennials. Und ich würde sagen, diese Suche basiert auf unserer Zukunft: Was wird uns passieren, welche Gesellschaft wollen wir aufbauen? Was werden wir erschaffen? Es ist sehr wichtig, dass sich alle damit befassen. Ich möchte nicht, dass wir diese Zukunft einfach erdulden; in diesem Zusammenhang wird die digitale Transformation zu einem Werkzeug, um unsere Zukunft zu gestalten.
Der Mensch fragt sich schon lange nach seiner Zukunft und der Auswirkung von Technologie auf unser Leben, durch Science-Fiction-Romane und Filme beispielsweise. Was ist also heute anders?
Guy Mamou-Mani: Wir erleben einen einzigartigen Moment in der Menschheitsgeschichte. Dies könnte der Erfindung des Buchdrucks ähneln, aber ich denke, es geht noch weiter. Wir sind dabei, Konzepte zu verändern, die so selbstverständlich schienen wie Zeit, Entfernung, Arbeit, der Begriff Eigentum. Es ist klar, dass Digitalisierung eine Abkehr von diesen grundlegenden Konzepten mehrerer Jahrtausende bewirkt. Heute: Kaufen wir unser Auto? Immer weniger, weil uns interessiert, wie wir uns bestmöglich und ökologisch fortbewegen können, daher bevorzugen wir Sharing-Modelle. Kaufen wir unser Ferienhaus? Wir nutzen lieber Plattformen zum Teilen von Mietangeboten. All dies schafft einen historischen Moment, in dem wir alte Konzepte aufbrechen und eine neue Gesellschaftsform aufbauen. Wir fragen uns dann, wie wir nicht die gleichen Fehler, die gleichen Vorurteile wiederholen, wie beispielsweise das Thema Vielfalt.
In diesem Punkt: Es gibt keinen Grund, dass unsere Welt die Frauenfeindlichkeit, die wir gekannt haben, wiederholt. Deshalb ermutige ich Männer, sich mit einer anderen Vision einzubringen, wie zum Beispiel mit #JamaisSansElles, und ich sage auch den Frauen, dass sie sich selbst aktiv einbringen sollen, denn wenn sie warten, dass ihnen Plätze gegeben werden, wird nicht viel passieren. Frauen müssen sich einbringen, Programmierung erlernen, künstliche Intelligenz nutzen. Dies sind die Werkzeuge zum Aufbau dieser neuen Welt. Wir können viel Hoffnung für diese Gesellschaft haben, wenn wir sie uns aneignen. Man sieht, dass junge Menschen aus benachteiligten Vierteln Schwierigkeiten haben, sich zu integrieren: Digitalisierung ist von Natur aus inklusiv. Also müssen wir diese Gelegenheit ergreifen.
Übrigens hat « Zukunft » im allgemeinen Verständnis diese sehr « technologische » Färbung. Ein bisschen Zukunftsforschung, wie sehen Sie Technologien in der Welt von morgen?
Guy Mamou-Mani: Von Jules Verne bis Philip K. Dick, für Science-Fiction-Autoren im Allgemeinen, ist Technologie der Aufbau der Zukunft. Bildung und Schulung sind ohnehin wichtige Themen in meinem Buch, der Aufbau der Zukunft beginnt bereits in der Grundschule. Worum geht es also genau, um das Verschwinden bestimmter Berufe? Da dieser Aufbau der Zukunft auf Technologien basiert, ist es wichtig, eine Grundausbildung für alle Mitbürger zu bieten, um eine verantwortungsvolle Nutzung dieser Technologien zu fördern, und damit eine bessere und harmonischere Welt zu schaffen.
Zum ersten Mal haben wir einen Bildungsminister, der technologiefreundlich ist und der Code in Schulen eingeführt hat, er trägt diese Vision. Aber ich denke, wir könnten noch weiter und schneller gehen. Übrigens sage ich in meinem Buch, dass Schulen Lesen, Schreiben, Rechnen… und Programmieren unterrichten sollten. Das ist natürlich diskutabel, aber ich möchte vermitteln, dass es sehr wichtig ist, technisches Wissen zu haben.
Die Zukunft der Arbeit, wie sehen Sie das?
Guy Mamou-Mani: Wenn man all diese Kodizes aufbricht, gibt es einen, der besonders in Frage gestellt wird, nämlich Beschäftigung. Übrigens bevorzuge ich, von Beschäftigung statt Arbeit zu sprechen. Manchmal verwechseln unsere Politiker die beiden. Ich bin überzeugt, dass Arbeit immer existieren wird. Was sich jedoch ändert, sind die Beschäftigungsformen. Was bedeutet 35 h? Was bedeutet ein Arbeitsplatz? Man könnte sehr gut von zu Hause aus, am Flughafen oder an einem Ort, wo man sich alle trifft, arbeiten. Der Arbeitsplatz, wie wir ihn heute kennen, ist ein Erbe der industriellen Revolution. Wenn Sie einen Mitarbeitenden haben, der 1 h in sozialen Medien verbringt, und der sich dann zu Hause verbindet und 5 h arbeitet, zählen Sie diese in seine Arbeitszeit? Heute haben Arbeitszeit und Arbeitsort keinen Sinn mehr. Was das Angestelltenverhältnis angeht, ist es immer noch das Ideal, das es zu schützen gilt? Das ist diskussionswürdig. Viele Freiberufler denken überhaupt nicht daran, zu einem Angestelltenverhältnis zurückzukehren. Das Konzept von Angestelltenverhältnis selbst bewegt sich.
Siehe auch: Jonathan Chan: « Agilität ist die Fähigkeit von morgen »
Was sicher ist, ist dass die Beschäftigungsformen nicht standardisiert sein werden. Aber das bedeutet nicht, dass wir die Struktur unserer Gesellschaft selbst abbauen sollten, wir brauchen einen Rahmen. Was wir derzeit tun, ist, einen für die industrielle Revolution konstruierten Rahmen auf eine völlig veränderte Welt anwenden. Lassen Sie uns einen sozialen, steuerlichen und gewerkschaftlichen Rahmen schaffen, der dieser neuen Welt angepasst ist. Für mich liegt die Herausforderung dort.
Und Sie, wie tragen Sie zur digitalen Transformation unserer Gesellschaft bei?
Guy Mamou-Mani: Ich habe großes Glück und sogar absolute Erfüllung: Mein Beruf ist kohärent mit meinen Engagement. Wenn wir ein Unternehmen bei seiner digitalen Transformation helfen, durch Beratung, Entwicklung, tragen wir zum Aufbau der Zukunft bei. Das ist, was wir mit unseren Kunden tun, zum Beispiel mit dem Staat, das ermöglicht mir täglich, das, was wir tun, sinnvoll zu gestalten. Wir arbeiten an sehr großen Staatmodernisierungsprojekten. Sich anzuschauen, wozu man beiträgt, das sage ich mir jeden Morgen. Weil ich immer auch sehr sensibel für die Suche nach Sinn bin. Es ist wichtig zu verstehen, wofür man sich einsetzt. Das ist täglich sehr motivierend. Beispielsweise haben wir mit dem Finanzministerium an der Entwicklung der elektronischen Rechnungsstellung gearbeitet. Ich finde, das ist von öffentlichem Interesse. Und wir haben viele Projekte wie diesen. Ich mag es, meine Ideale, meine Werte und den Alltag in Einklang zu bringen. Es gibt einen Stolz, in einem Unternehmen zu arbeiten, das Frauen respektiert. Zum Beispiel habe ich vor zwei, drei Jahren verlangt, dass wir den Lohnausgleich für Frauen in Elternzeit vornehmen. Und das war einer der Gründe, warum wir die Bewertung von 94 auf 100 auf dem Index erreichten, der von der Arbeitsministerin Muriel Pénicaud zur Lohngleichstellung eingeführt wurde. Mit #JamaisSansElles, sehen wir uns als Feministinnen. Weil wir das Gefühl haben, dass das Kämpfen für die Rechte von Frauen auch das Kämpfen für die Rechte von Männern ist. Das ist eine humanistische Sache. Work-Life-Balance ist ein Kampf für Frauen und Männer auch ! Zum Beispiel haben auch Männer das Recht, früher zu gehen, um auf ihre Kinder aufzupassen.
Wenn Digitalisierung die Arbeit transformiert, weil wir noch die Vorstellung haben vom Engagement auf durchschnittliche Mittel, mit einer Kultur des Präsentismus. Aber wenn man eine Aufgabe in 2 h statt 10 h erledigt und es ist genauso effektiv, wo ist das Problem?
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